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Kalids Fernrohr

Kalid Eisenfaust, der Anführer einer wilden Barbarenhorde, plant einen Angriff auf die angeblich uneinnehmbare Festung Harók hoch in den Bergen. Dank eines Reliktes aus vergangenen Zeiten, einem Fernrohr dem sich nichts verbirgt, erkennt er die Schwachstellen der Burg und entwirft einen genauen Angriffsplan. Über einem geheimen Tunnel gelingt es den Kriegern, bis vor die Festungsmauern vorzudringen. Doch als auf einmal eine Armee zur Verstärkung der Festungsbesatzung anrückt, droht Kalids Vorhaben zu scheitern. In diesem Moment der Entscheidung setzt Eisenfaust alles auf eine Karte...

Hauptgeschichte

Kalid schwitzte bereits am ganzen Körper, als er das obere Ende der steilen Felswand erreicht hatte. Er schaute sich um und sah über das weite Tal, das unter ihm lag. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte ihm auf dem kahlen Schädel. Tief unter sich konnte er das Lager sehen, in dem seine Männer auf ihn warteten. Heute sollten sie etwas länger warten. Kalid musste sich eingestehen, dass er nicht mehr dieselbe Kraft wie zu seinen Jugendtagen hatte. Doch nach wie vor konnte er jeden Berg bezwingen, den er besteigen wollte. In diesem öden Bergland kannte er jeden Stein und jeden Felsen - und ganz besonders jedes Dorf und jede Stadt. Umgekehrt war er sich sicher, dass man ihn in jedem Haus und jeder Hütte bis zu den Großen Wasserfällen im Süden kannte – zumindest seinen Namen, denn es gab kaum jemanden, der ihm begegnet war und später davon berichten konnte. Eisenfaust nannten sie ihn. Kalid fand, der Name passte zu ihm. Hart und schnell schlug er zu, wann immer er Beute witterte. Gnade oder gar Menschlichkeit waren für ihn Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Im Übrigen hatte er für seine Raubzüge Krieger gefunden, denen jedes Mitgefühl fehlte: Groll, Darak, Orgos, Krack und all die anderen Krieger, die ihm blind in jede Schlacht folgten. Es hatte lange gedauert, bis er die richtigen Männer gefunden hatte, und noch viel länger, bis er ihnen die nötige Disziplin beigebracht hatte, damit Kalid Angriffe wie den heutigen durchführen konnte.

Kalid atmete tief durch. Was er nun zu erledigen hatte, erforderte viel Konzentration und Sorgfalt. Jedes Detail, das er übersah, konnte fatale Auswirkungen haben. Er blickte zu dem schmalen Felsvorsprung hinüber, der den Blick in das Tal jenseits dieser Felswand freigab. Dahinter musste Harók stehen, die Festung an der Talenge, von der es hieß, dass sie uneinnehmbar sei. Aus diesem Grunde hatten die Edelleute dieses Landes ihre wertvollsten Güter nach und nach in den Katakomben dieser Festung eingelagert, und aus genau diesem Grund würde er heute in diese Festung eindringen.

Kalid kroch auf den schmalen Felsvorsprung zu und legte sich schließlich flach hin. Über sich sah er einen Adler kreisen. Vor ihm öffnete sich das schmale Tal, das von drei Seiten aus von hohen Bergen umgeben war. Der einzige Zugang zum Tal und damit zur Festung war ein schmaler Pfad zwischen hohen Felswänden. Jeder Wanderer, der sich der Festung nähern wollte, musste erst diesen langen schmalen Pass besteigen, der kaum Versteckmöglichkeiten bot. Eindringlinge waren den Pfeilen von der Festung aus schutzlos ausgeliefert. Kalid hatte jedoch gar nicht vor, diesen Weg zu nehmen. Er würde mit seinen Männern einem unterirdischen Durchgang folgen, der einst eine Wasserader durch die dicken Felsen gewesen sein musste und nun bei Belagerungen den einzigen Rettungs- und Versorgungstunnel für die Festung darstellte. Leider führte der Tunnel nicht direkt in die Burg hinein, der Zugang war vor Jahren zugeschüttet worden. Allerdings endete ein Seitenarm des Tunnels kurz vor den Festungsmauern und ein anderer etwas weiter abseits an einem nahen Felsen. Es hatte Kalid viele Münzen gekostet, um an diese Information zu kommen, und noch viel mehr Zeit, um den geheimen Tunnel zu finden. Er hatte die unterirdischen Tunnelwege in den letzten Tagen bereits ausgiebig erkundet. Auch wenn er für seine schnelle Überraschungsangriffe bekannt war, so erforderte doch jede Mission umsichtige Planung, wie sie vermutlich kaum ein so genannter Edelmann bei einem Barbaren wie ihm vermuten würde. Ein Teil der Vorbereitungen stellte die ausgiebige Erkundung des Terrains dar. Kalid zog sein großes Fernrohr aus seiner Gürteltasche. Es war ein Relikt aus einem anderen Leben, als er noch einen anderen Namen getragen hatte. Eisenfaust erinnerte sich nur ungern an seine Vergangenheit, doch zumindest verdankte er ihr das Wissen, das ihn am Leben erhielt, und dieses Fernrohr, das ihm unzählige Male wertvolle Dienste geleistet hatte. Im ganzen Reich gab es kein besseres, dessen war er sich sicher. Kalid stützte sich auf seine Ellenbogen, zog das Fernrohr lang und warf einen prüfenden Blick über das Rohr hinweg auf die Festung, die viele Kilometer weit entfernt im Tal lag.

Die Festung Harók stellte von weiten betrachtet einen recht unansehnlichen Steinhaufen dar, der von einer fünfzig Fuß hohen Mauer umgeben war. Es gab innerhalb der Festung zwei fensterlose Türme und einen Bergfried. Viel mehr interessierte sich Kalid jedoch für die Außenanlagen. Kalid warf einen Blick durch das Fernrohr. Nachdem er die Spiegel justiert hatte, sah er, dass die Festungsmauer hohe Zinnen und mehrere kleine Erker und Türme aufwies. Der größte Turm lag oberhalb des Tores, welches den einzigen Durchgang zur Festung bot. Entlang der Festungsmauern patrouillierten mehrere Soldaten. Insgesamt zählte er zwei Soldaten, die auf der Mauer entlangliefen und einen Soldaten, der im Turm Wache hielt. Das war nicht viel, aber angesichts der strategischen Lage der Festung durchaus ausreichend. Im Falle eines Alarms würden die übrigen Wachen genug Zeit haben, ihre Posten zu beziehen, bevor die Angreifer den Pass erklommen hatten.

Kalid stellte sein Fernrohr neu ein, bis er die Gesichter der Wachen sehen konnte. Sie machten einen müden, verschlafenen Eindruck. Da sie stundenlang den kalten Bergwinden ausgesetzt waren, hatten sie Felle um sich gewickelt und trotteten die Mauer entlang, ohne links oder rechts zu sehen. Ihre Waffen bestanden aus Schwertern und Dolchen, einige Bögen standen in den Türmen bereit. Kalid konnte erkennen, dass ihre Ausrüstung in einem schlechten Zustand war und die Schwerter vermutlich kaum etwas taugten, wenn sie nicht schon im Leder fest gerostet waren.
Als nächstes warf Kalid einen Blick in den großen Turm, in dem die dritte Wache stand. Der Soldat hielt einen Speer und stand reglos an einem großen Erker, wo er zum Pass hinaus schaute. Zur seiner linken hing ein großer Gong, den er wohl zu schlagen hatte, wenn Gefahr drohte. Nun, das würde Kalid wohl zu verhindern wissen. Eisenfaust lag noch eine Weile da und prägte sich die Laufzeiten der Wachen genau ein. Der Plan, den er sich ausgeheckt hatte, nahm Form an, und Kalid kribbelte es schon im Nacken angesichts des gefährlichen Unterfanges, auf das er sich einließ.

Als eine Stunde vergangen war, ahmte Kalid den Schrei eines Adlers nach. Sofort wendete der Adler über ihm und segelte im Sinkflug auf ihn zu. Wenige Augenblicke später setzte das Tier auf Kalids Arm auf und krallte sich am dicken Leder fest. Eisenfaust gab ihm etwas gepökeltes Fleisch, dann machte er sich mit dem Adler auf der Schulter auf dem Rückweg zum Lager. Es war Sommer, und so war es in den Bergen zugleich sehr warm und sehr kalt. Eisenfaust hatte sich an das Bergklima gewöhnt, so gut es eben ging, aber er ließ sich keine Schwäche anmerken, als er unten im Lager der Barbaren ankam.

Dort erwartete ihn ein aus allen Teilen des Reiches zusammen gewürfelter Haufen, den man, so faul am Feuer sitzend, wohl kaum für die vielleicht gefährlichste Räuberbande nördlich der Großen Wasserfälle gehalten hätte. Und doch war auf die meisten von ihnen ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Sie waren gewissenlose Schlächter, die ihre Kinder – wenn sie welche hätten – für ein paar Silberstücke verkaufen würden. Kalid hatte für seine Truppe ausnahmslos begnadete Kämpfer ausgewählt, die auch über ein Mindestmaß an Gehorsam verfügten. Der Barbarenführer konnte sich keine Fehltritte leisten, da jeder zu einem schnellen oder im schlimmeren Falle langsamen Tod für sie alle führen würde. Diese Berge waren erbarmungslos, und so war Kalid zu der Überzeugung gekommen, dass man im Gebirge nur überleben konnte, wenn man noch brutaler war. Nicht selten hatte er Aufrührer oder andere Unglücksraben auspeitschen oder einen Felsen hinabstürzen lassen. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, diese Barbaren unter Kontrolle zu halten. Dennoch schlief Kalid kaum und hielt immer seinen Dolch am Körper bereit, um auf jedes Messer, das sich ihm von hinten nähern sollte, vorbereitet zu sein.

Kalid schritt geradewegs zum Lagerfeuer und trat gegen ein paar Beine und Bäuche der faul herumlungernden Krieger. Dann rief er sie an, ihm zuzuhören. „Macht euch bereit. Wir brechen sofort auf. Es gibt Beute zu machen!“ Die Worte taten ihre Wirkung, denn sofort standen die Barbaren auf und begannen, ihre Habe zusammenzupacken und die Zelte abzubauen. Sowohl Kalid als auch seine Männer hielten nicht viel von langen Ansprachen. Mehr als drei Sätze konnten sich diese Schwachköpfe ohnehin nicht merken. Üblicherweise vertraute Eisenfaust seine Pläne nur wenigen Kriegern an. Diesen gab er nun letzte Instruktionen. „Orgos, du gehst mit deinen Männern zum Tunnelausgang vor der Burg. Krack, Tetzel, ihr steigt die Mauer hoch an diesem Punkt.“ Und damit malte er mit einem Stock die Mauer und den Tunnelausgang in den Sand. Er erklärte ihnen die Laufwege der beiden Wachen und die beste Vorgehensweise, um diese auszuschalten. Die beiden Barbaren nickten verstehend. „Orgos, sobald die beiden das Gittertor hochgezogen haben, stürmt ihr rein. Ihr werdet am Tor kaum Gegenwehr haben.“ „Ja, Herr“, antwortete der stämmige Krieger. „Ach und eins noch“, fiel Kalid ein, „nimm Groll mit.“ Orgos blickte kurz unsicher zu dem breitschuldigen Riesen hinüber, der auf einem Baumstumpf saß und in das Feuer starrte. Groll war ein Berg von einem Mann, besaß jedoch die Intelligenz eines Babys. Kalid war praktisch der einzige Mensch, dem er folgte, und Kalid wusste selbst noch nicht einmal, warum. Der Riese sprach kaum, jedoch wagte es niemand, sich über ihn lustig zu machen, denn wenn er wütend war, konnte er schon mal einem Unglücksraben die Knochen brechen. In der Schlacht wiegte er jedoch mit seinen zwei großen Streitäxten zwanzig Männer auf.

Zuletzt wandte sich Kalid an Fàhir, dem Bogenschützen aus dem Wüstenreich Chalid. „Du wirst von diesem Felsen aus“, damit zeigte er auf einen Punkt in seiner Sandzeichnung, „die Wache oben im Turm im Auge behalten. Sobald er sich auffällig verhält, schießt du ihn ab. Er sollte dabei nicht mehr schreien können. Hast du das verstanden?“ Fàhir nickte. Er sprach nur ein paar Brocken der farakischen Sprache, aber immerhin verstand er mehr als manch anderer der Barbaren. Sein einziger Makel war, dass er sehr schnell nervös wurde. Eine lästige Eigenschaft für einen geduldigen Jäger.

Nur kurze Zeit später liefen die Räuber in einem langen Fackelzug durch den unterirdischen Gang. Kalid sah, wie die Barbaren Scherze machten und sich gegenseitig anstießen. Einer von ihnen wurde herumgeschubst. Es war Fratz, ein junger Lirgese, den Kalid nur auf Wunsch von dessen Bruder Darak aufgenommen hatte. Es war eines der wenigen Male, bei denen sich Eisenfaust zu irgendwas hatte breitschlagen lassen und wie immer bereute er es. Fratz taugte zu gar nichts. Immerhin folgte er Kalids Befehlen aufs Wort.

Fratz war eben in den Dreck gestoßen worden, als Kalid vor ihm stehen blieb. „Du kommst mit mir“, befahl der Barbarenführer, dann schritt er weiter. Fratz folgte ihm sofort wie ein Hund. Gerade wollte er den Mund aufmachen, um eine unselige Frage zu stellen, als Kalid ohne sich umzudrehen knurrte: „Und keine Fragen!“. Dann gingen sie schweigend weiter.

Als sie den unteren Ausgang an den Felsen erreicht hatten, war es bereits später Nachmittag geworden. Die Sonne stand nun in ihrem Rücken. Kalid trat ans Licht und duckte sich hinter einem Felsen. Hinter ihm folgte Fratz, dann kam Fàhir. Über ihnen kreiste bereits der Adler. Von allen Gefolgsleuten war er Kalids zuverlässigster. Eisenfaust zog das Fernrohr aus der Gürteltasche und beobachtete damit die Wachen am Tor. Es waren zwei Speerträger, die sich vor dem schweren Gittertor die Beine in den Bauch standen. Oben im Turm wachte ein Soldat, von dem im Halbdunkel des Turmes nur die Umrisse zu erkennen waren. An den Zinnen konnte Kalid die Helme der beiden letzten Wachen sehen. So weit so gut.

Der Barbarenführer zeigte Fàhir die Stelle, von der aus der Bogenschütze seinen Posten beziehen sollte, dann zogen Kalid und Fratz langsam und geduckt zwischen den Felsen weiter. Als sie gerade die halbe Strecke überwunden hatten, hörte Kalid über sich den Adler rufen. Sofort sah Eisenfaust nach oben und sah, wie sein Adler in Richtung des Passes raste. Unten sah er eine Staubwolke. Zu seinem Unwillen eine sehr lange Staubwolke. Rasch zog er erneut sein Fernrohr und justierte es auf die richtige Entfernung. Was er nun sah, erfreute ihn noch weniger: Es war ein langer Zug Soldaten. Entweder sollte die Garnison ausgetauscht werden, oder jemand hatte die Festungsbesatzung gewarnt. Kalid zählte dreihundert Schwerter und fünfhundert Speere. Eindeutig zu viele, um es mit ihnen aufzunehmen.

„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Fratz leise neben ihm, der auch zum Pass hinunter blickte. Dann fügte der Tunichtgut hinzu: „Wir sollten schnell verschwinden“. Kalid hätte ihm an liebsten ohrfeigen wollen, wusste aber, dass der Knabe Recht hatte. Verkniffen blickte er rüber zur Festung. Dann fragte er den Jungen: „Wie steht es um deine Sangeskünste?“ Verblüfft stotterte Fratz irgendwas zusammen, aber Kalid hatte ihm schon am Arm gezogen, und lief mit ihm geduckt hinunter zur Passstraße. Dort nahm er Fratz seine Axt ab und warf sein Schwert hinter die Felsen. Dann lief er mit ihm möglichst gelassen auf dem schmalen Kiesweg weiter, der in vielen Biegungen zur Festung führte.

Während sich der Junge neben ihm in ein fragendes Nervenbündel verwandelte, zog Kalid drei Äpfel aus seiner Tasche, und begann mit ihnen zu jonglieren. Als ihm das halbwegs gelang, brummte er: „Gut, das müsste reichen.“ Fratz neben ihm fragte, was das Ganze sollte, aber Kalid sagte nur: „Halt die Klappe und sing.“ „Aber…“ „Sing!“ Damit begann Fratz, ein Minnelied in den schrägsten Tönen zu singen. Kalid, der sich ohne sein Schwert sehr nackt vorkam, atmete tief durch. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Als sie am Festungstor ankamen und ihnen die Soldaten den Weg versperrten, rief Kalid fröhlich: „Macht hoch das Tor für Haki und Fratz, die beiden allbekannten Gaukler aus Phillipsburg. Wir sind in aller Welt berühmt für unsere Kunst und schon am Hofe Seiner Gnaden König Leandaros’ aufgetreten. Heute jedoch gewähren wir Eurer Lordschaft von Harók die Ehre.“ Die beiden Wachen sahen sie unschlüssig an. Dann sagte schließlich einer von ihnen. „Noch nie von euch gehört. Verschwindet.“ Kalid ließ jedoch nicht locker. Er fing wieder an, mit seinen Äpfeln zu jonglieren, während er Fratz anstieß, noch lauter zu singen. Der Junge begann, vor lauter Angst unsinniges Zeug zu trällern, so dass die beiden Wachen anfingen zu lachen. „Du da“, rief der andere von den beiden, „bist du Fratz?“, fragte er den Sängerknaben. Dieser nickte ängstlich. „Du bist komisch, ihr könnt rein“, entschied der Soldat. Dann schlug die Wache dreimal laut mit der Spitze des Speeres gegen das Eisengitter. Wenige Sekunden später wurde das Eisengitter von unsichtbarer Hand hochgezogen und die beiden Gaukler konnten passieren.
Kaum dass sie den menschenleeren Innenhof betreten hatten, wendete Kalid nach links, wo er schnurstracks auf die Leiter, die zum Wachturm hoch führte, zuhielt. Nachdem er die ersten Stufen der Leiter erklommen hatte, gaffte ihn von oben ein einfältiges Gesicht entgegen. „He, ihr da! Ihr dürft hier nicht hoch!“ Als Kalid weiterkletterte, streckte ihm die Wache eine Speerspitze entgegen. „Wir wollen doch nur die schöne Aussicht bewundern“, flötete Kalid. Dann griff er nach dem Speer und zog diesen samt Wache zu sich herunter. Nur einen Bruchteil einer Sekunde später rammte er dem Soldaten seinen Dolch in die Lunge. Lautlos glitt der Körper zur Seite und gab den Weg zum Turm frei.

Oben angekommen ging Kalid auf die Seilwinde zu, die das Eisengitter des Tores anhob. Kalid dankte dafür, dass er nicht noch die schweren Holztore öffnen musste. Diese standen wohl schon seit langem aus Bequemlichkeit offen. Sofort begann er, an der Winde zu drehen. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Fratz ihm gefolgt war und nun unschlüssig im Raum herumtappte. Dann fiel Kalid auf einmal etwas ein. Doch bevor er dem Jungen etwas zurufen konnte, wurde dieser schon von einer unsichtbaren Kraft an die Wand geworfen. Lautlos glitt der Körper neben dem Leichnam der Wache zu Boden. Eine Pfeilspitze ragte ihm aus der Brust.

Verdammt, Fàhir, fluchte Kalid in sich hinein. Rasch schnitt er mit seinem Messer die Schnüre, die den großen Gong hielten, durch. Nur einen Sekundenbuchteil später krachte etwas gegen diesen behelfsmäßigen Schild. Während Kalid hinter dem Gong geduckt blieb, kurbelte er unablässig weiter an der Winde. Inzwischen wurden Rufe von draußen laut. Kalid dachte an die beiden Wachen auf der Mauer, und an jene am Tor. Hoffentlich hatte Orgos etwas von Kalids Planänderung mitbekommen. Kalid wagte nicht zu hoffen, dass jemand von den anderen Schwachköpfen die Lage erkannte. Und wenn doch, dann sollte er wenigstens Groll mitbringen...

Als Kalid sich schon verloren glaubte, erklang für ihn Musik in den Ohren: Geräusche, die nur entstanden, wenn Eisen auf Eisen schlug. Dann wurden die Rufe und Schreie lauter. Als Kalid gerade zum einem Lächeln ansetzte und sich erneut zu seinem unverschämten Glück beglückwünschte, blitzte ihm aus dem Halbdunkel eine Schwertklinge entgegen. Eine der Wachen von der Mauer stand ihm gegenüber und holte nun zum tödlichen Schlag aus. Für einen Sekundenbruchteil überlegte Kalid, ob er die Kurbel loslassen und damit sich selbst retten aber seine Kameraden im Stich lassen sollte, als der Soldat zusammenzuckte und ungläubig auf die Speerspitze starrte, die aus seiner Brust herausragte. Dann brach er sterbend zusammen. Hinter ihm sah er das grinsende Gesicht von Tetzel. Bevor dieser noch einen dummen Spruch reißen konnte, rief ihm Eisenfaust zu: „Hilf mir bei der Kurbel.“ Während sie gemeinsam das Gitter hochzogen und die Kurbel fest machten, sah Kalid noch einmal zu Fratz’ Leichnam rüber. Das wird Darak gar nicht gefallen, dachte Kalid bei sich. Dann folgte er Tetzel, der bereits die Leiter hinunter stieg.

Unten angekommen war die Schlacht bereits im vollen Gange. Soldaten stürmten aus dem Bergfried auf die Barbaren zu, die durch das offene Tor gerannt kamen. Die vorderen Soldatenreihen wichen vor dem im Blutrausch mit seinen riesigen Streitäxten wild um sich schlagenden Groll zurück, der sich seinen Weg in Richtung der Burg bahnte. Die Unglückseligen, die seinen Weg kreuzten, wurden von dem Riesen binnen Sekunden zerstückelt. Kalid sah auch Orgos, Darak und die anderen mit Speeren und Schwertern kämpfen, während immer mehr Krieger in die Festung eindrangen. Während Kalid wie seine Gefolgsleute einen großen Bogen um Groll machte, der im Eifer des Gefechtes schon mal Freund mit Feind verwechselte, griff er nach dem nächsten herumliegenden Schwert und stürzte sich auf die Ritter, die soeben in voller Rüstung aus dem Bergfried gestürmt kamen.

Kalid lächelte grimmig, als er bemerkte, wie drei schwer gepanzerte Ritter begannen, ihn zu umkreisen. Wenn er etwas an diesen aufgeblasenen Truthähnen mochte, dann, dass sie von oben bis unten so mit Eisen und Stahl bedeckt waren, dass sie vor lauter Ungelenkigkeit ihre Schwachstellen kaum noch schützen konnten. Eisenfaust wartete auf den ersten Schlag, unter dem er sich geschickt wegduckte, dann glitt er an einem der Stahlkolosse vorbei, der nun den anderen Rittern im Weg stand. Rasch versenkte Kalid sein Schwert in der offenen Stelle unter den Achseln des Ritters, dann wandte er sich dem nächsten Gegner zu. Als dieser ihm den Schild ins Gesicht schlagen wollte, packte Kalid den Schild und zog den Ritter damit an sich vorbei, so dass das Ungetüm das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Mit einem verächtlichen Grunzen zog Kalid dem Ritter den Helm vom Kopf und gab dem Unglücklichen den Todesstoß. Dann rollte er sich vor dem Schlag des letzten Ritters weg und kam katzenhaft wieder auf die Beine. Als der Ritter ihm nachsetzte, warf Kalid sein Schwert nach ihm. Das Wurfgeschoss prallte jedoch wirkungslos am Kopf des selbstgefälligen Kriegers ab, der nur den Kopf schüttelte und höhnisch lachte. Das Lachen wandelte sich in einen Schmerzensschrei, als Kalid den Augenblick nutzte, um am Ritter vorbeizugleiten, seinen Dolch zu ziehen und noch in der selben Bewegung in die freie Stelle am Kniegelenk zu rammen. Stöhnend sank der Edle auf die Knie. Kalid trat ihn von hinten zu Boden und bereite dem Ritterdasein seines Gegners ein Ende.

Als Eisenfaust sich aufrichtete, war die Schlacht geschlagen. Mit nicht wenig Stolz bemerkte er, dass von seinen Kriegern kaum einer gefallen war, während die Soldaten auf dem Hof alle gefallen oder geflohen waren. Doch gab es keine Zeit zu verlieren. Kalid rannte auf das Tor zu und blickte auf den Pfad hinunter. Dort kam die Verstärkung bereits im Laufschritt anmarschiert. „Tetzel, die Winde!“, rief Eisenfaust dem Barbaren zu. Der Angerufene zog sich sofort die Leiter hoch, um das Eisengitter herunterzulassen. Dann rief er den unschlüssig Herumstehenden zu: „Auf die Mauer!“

Nur wenige Augenblicke später standen Kalid und seine Männer auf den Zinnen und griffen nach den Bögen und Köchern, die dankenswerterweise in den Türmen für den Verteidigungsfall bereit standen. Was nun folgte, war eines der angenehmeren Gefechte, die Kalid in seinem für einen Barbaren langen Leben ausgetragen hatte. Die heranstürmenden Soldaten wurden von einer Pfeilsalve nach der anderen zurückgeworfen. Dank des ausgeklügelten Verteidigungssystems gab es für die Angreifer keine Möglichkeit, den tödlichen Pfeilen zu entgehen, und so war der Kampf fast so schnell wieder vorbei, wie er begonnen hatte. Noch als die Feinde über dem schmalen Pfad den Berg hinunter flohen, schickten ihnen die Barbaren Pfeilsalven hinterher. Uneinnehmbar, dachte Kalid bei sich, Pah! Keine Burg ist uneinnehmbar.

Als sich die Sonne schon über den Bergen senkte, wurde irgendwo in den Katakomben tief unter der Festung ein Schlüssel herumgedreht. Durch die geöffnete Tür traten ein zitternder Alter, der der Verwalter der Festung sein musste, gefolgt von einer Schar Barbaren. Der Schein der Fackeln fiel auf eine Reihe Truhen, Kisten und Schatullen, die dicht an dicht in einer großen Halle standen. Kalid blickte sich grimmig lächelnd in der Halle um und rief: „Holt euch, was ihr kriegen könnt. Denn was mit Blut erkauft wurde, sei für immer dein!“

Siehe auch